Zielsetzung

Das deutsch-französische Kooperationsprojekt untersuchte Fragen der historischen Geographie Obermesopotamiens und des Osttigrisraumes im 2. Jahrtausend v.Chr. Der systematische Vergleich der strukturellen Raumnutzung während zweier unterschiedlicher Phasen eröffnet ein neues Verständnis der Geschichte dieser Region. Dabei werden die Textquellen der altbabylonischen und der mittelassyrischen Periode zueinander und zu den archäologischen Befunden der Mittel- und Spätbronzezeit in Beziehung gesetzt. Für eine historisch-geographische Auswertung von Textinformationen und archäologischen Fundsituationen sind möglichst zuverlässige Aussagen zur historischen Geographie erforderlich. Noch immer sind in Vorderasien eine erhebliche Anzahl der Fundorte ohne historische Identifikation und vielen antiken Namen lässt sich höchstens ein ungefährer Platz auf der Landkarte zuweisen. Die Schriftzeugnisse überliefern Toponyme, Regionyme und Hydronyme, die in ihrer Korrelation durch die in den Texten übermittelten Inhalte ein Art relatives Koordinatennetz bilden. Die durch Surveys und Ausgrabungen festgestellten Fundorte wiederum stellen in gewisser Weise das räumlich ”absolute” Gegenstück dar. Die Identifikation von Geländestrukturen und Siedlungsresten mit den überlieferten antiken Namen ist in der Altertumskunde Vorderasiens ein wichtiger Aspekt der Forschungen zur historischen Geographie.

Methode

Das interdisziplinäre Projekt entwickelte in zwei Etappen (HIGEOMES und TEXTELSEM) an der Schnittstelle von Vorderasiatischer Archäologie, Altorientalistik und Informationstechnologie ein neues Methoden- und Visualisierungsspektrum für die Forschungen zur Historischen Geographie. Aus archäologischen und räumlichen Daten wurden Informationen zu Siedlungsstrukturen und Geländebeschaffenheit generiert. Aus den Texten wurde das dichte Netz expliziter und impliziter Informationen zu Orten, Landschaften und Routen extrahiert. Quantität und Komplexität der philologischen und archäologischen Daten machten den Einsatz von IT-gestützten Formen des Wissensmanagements notwendig und sinnvoll. Diese Informationsgruppen wurden durch den Ausbau einer auf Konzepten der semantischen Datenbeschreibung beruhenden Informationsintegration verbunden.

Der untersuchte Raum

In den beiden Projektetappen wurde im Rahmen von HIGEOMES zunächst der obermesopotamische Raum und im Rahmen von TEXTELSEM die Osttigirsregion untersucht. Unter Obermesopotamien fassen wir das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris nördlich von Ramadi und Samarra bis hin zum Oberlauf der beiden Ströme. Die Osttigris-Region war ein als Siedlungskammer und wichtiges Bindeglied im Verkehrswegenetz des Alten Orients bedeutendes Gebiet. Aus methodischen Gründen haben wir den geographischen Raum Vorderasiens artifiziell in Bereiche, die sogenannten HIGEOMES-Zonen, aufgeteilt. (s. Karte) Diese Bereiche dienten einer ersten Sortierung und groben Zuordnung antiker Toponyme zu geographischen Großräumen. Die Grenzen der HIGEOMES-Zonen bilden keine historische Realität ab. Sie modellieren recht grob unser Verständnis der geopolitischen Strukturierung des Naturraums. Manche Toponyme ließen sich noch nicht eindeutig einer bestimmten Zone zuweisen. Dieser Unsicherheitsfaktor spiegelt sich in der Mehrfachzuweisung mancher Toponyme zu unterschiedlichen Geozonen wider.   

Zeitliche Eingrenzung

Für diese Gebiete stehen im 2. Jahrtausend v. Chr. mit den nordmesopotamischen Archiven der altbabylonischen Periode (im Wesentlichen das 18.-17. Jh. v.Chr.) und den Schriftquellen der mittelassyrischen Zeit (14.-12. Jh. v.Chr.) zwei umfangreiche und einander überlagernde Dokumentationen zur Verfügung. Dadurch ergibt sich eine aussagekräftige Datenmenge, mit deren Hilfe sich Fragen zu politischen Strukturen, sozioökonomischen Gegebenheiten und Infrastrukturen neu betrachten lassen.

Datengrundlage

Die archäologische Datengrundlage ist in den beiden Regionen extrem unterschiedlich. Während in Obermesopotamien Ausgrabungen und Surveys bereits länger zurückliegen und in unterschiedlichem Umfang publiziert sind, handelt es sich beim Osttigrisgebiet um 'work in progress'. In jüngster Zeit wird es durch die intensiven Feldforschungen in Iraqi Kurdistan systematisch archäologisch erschlossen. Damit bietet sich die einmalige Chance, aktuelle geoarchäologische Daten und Informationen der Schriftquellen des 2. Jts. für den Chronotop miteinander in Beziehung zu setzen und so neue Erkenntnisse zur Entwicklung der historischen Geographie dieses kulturgeschichtlich enorm wichtigen Raumes zu gewinnen. Da die Region unterschiedlich intensiv untersucht bzw. gesurveyt wurden, bietet sich ein recht ambivalentes Bild der Fundortverteilung. Da zudem die genaue Datierung oft schwer zu ermitteln ist, wurde eine chronologische Unterteilung in Mittel- und Spätbronzezeit gewählt, die in etwa den historischen Epochen der altbabylonischen / altsyrischen bzw. mittani- und mittelassyrischen Perioden entsprechen.

Die textbezogenen Daten sind natürlich auch durch diese archäologische Erschließung geprägt. Die Quellendichte ist lokal bzw. regional sehr unterschiedlich - abhängig von der Aussagekraft der Archivkontexte. Für die altbabylonischen Zeit wurden alle Toponyme betrachtet, die in dem untersuchten Raum lokalisiert werden - ohne Ansehen der Herkunft der Texte. Den Hauptbestand bilden die Texte aus den Archiven von Mari, daneben wurden auch die Texte aus Tuttul, Aschnakkum, Schubat-Enli-/Schehna, Qattara, Schuscharra, aus Babylonien, aus Alalakh ecc. berücksichtigt. Für die Spätbronzezeit bildeten die Dokumente, die im Kontext der mittelassyrischen Verwaltung entstanden sind, sowie Königsinschriften und Briefe die zentrale Quelle. Lokale Kleincorpora, z.B. Emar, Munbaqa wurden einbezogen. Die Identifizierung antiker Toponyme mit modernen Fundstätten stellt ein besonderes Problem dar. Noch immer kann nur ein kleiner Teil der antiken Toponyme sicher mit einem Siedlungsplatz verbunden werden. Zu dem Problem der Identifikation von Fundorten mit antiken Toponymen bzw. der Lokalisierung antiker Toponyme im geographischen Raum haben wir in den Repositorien jeweils der Stand der Forschung aufgenommen. Ein einfaches Bewertungssystem verzeichnet die 'Sicherheit' des Identifikationsvorschlages (0=unbekannt, 1=möglich, 2=wahrscheinlich, 3=sicher).

Ergebnisse

In interdisziplinärer Kooperation entwickelte das Projekt Ontologien für die Beschreibung der disziplinären Datenbestände. TEXTELSEM baute dabei auf die in HIGEOMES geleisteten Arbeiten auf und erweiterte nicht nur die dort prototypisch entwickelten Methoden, sondern auch die Inhalte. In der Zusammenarbeit der französischen und deutschen Kooperationspartner verbinden sich komplementäre Kompetenzen, die es diesem Projekt ermöglichten, historisch-systematische Grundlagenforschung mit der Entwicklung neuer Analyse- und Visualisierungsmethoden zu verbinden. Grundlage ist ein gemeinschaftlich erarbeitetes, wissensgestütztes Informationssystem, das fachwissenschaftlich durchdrungene Datenbestände integriert. So können durch Technologien des Knowledge Discovery großräumig vage Lokalisierungshypothesen des Typs „irgendwo in Region XY“ entscheidend eingeengt und Identifizierungshypothesen auf Grundlage des vorhandenen Wissens generiert werden. Das im Rahmen des beantragten Projektes entwickelte Instrumentarium (Datenstrukturen und Visualisierungsmethoden) lässt sich auf andere Zeitabschnitte und Räume übertragen.

Projektergebnisse sind in mehreren Sammelbänden und Einzelstudien erfasst und publiziert (siehe unter Publikationen (digital, Print) auf dieser Webseite). Die beiden textbezogenen Datenbanken Archibab (Standort Paris), Archimass (Standort Berlin) und die archäologische Fundortdatenbank HIGEOMES (Standort Mainz/München) geben Zugang zu den digitalen Datengrundlagen und werden OPEN ACCESS zugänglich sein. Ein WEB-GIS-Tool und eine semantische Darstellung (Webanwendung TEXTELSEM) erlauben die schnelle Projektion der archäologischen, historischen und systematischen Informationen. 

Zu den Details der Benutzung der genannten Tools s. jeweils das Vorwort in E. Cancik-Kirschbaum, A. Otto, N. Ziegler (Hrsg.), Materialien zur Toponymie und Topographie Obermesopotamiens I/ 1-3 (Paris 2016). Die Links zu den Spezialrepositorien finden sich unter Webanwendungen auf dieser Webseite.

 

 

 

 

 

 

 

 

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